Sonntag, 24.06.2018 16:58 Uhr

Über das Leben von lebenseingeschränkten Menschen

Verantwortlicher Autor: Peter-G. Rademacher ENA Oliver Schöpf DVPJ Teningen, 25.05.2018, 11:10 Uhr
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Teningen [ENA] Verständnis, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl sind Tugenden, die uns seit Kindheitstagen beigebracht worden sind. Diese Tugenden finden wir in den Religionen, der Philosophie und den modernen Sozialwissenschaften. Man sollte meinen, dass diese zentralen Verhaltensgrundlagen die Basis unseres gesellschaftlichen Bewusstseins darstellen. Doch der Pflegenotstand und das Fehlen integrativer Strukturen im alltäglichen Leben

zeigen auf, dass ein lebenseingeschränkter Mensch nicht nur durch seine Krankheit oder Behinderung schwer im Alltag zurecht kommt, sondern dass auch in unseren Köpfen kein oder wenig Integrationsbewusstsein vorhanden ist. Schamgefühl und Ablehnung gegenüber behinderten Menschen sind immer noch tief im Unterbewusstsein verankert. Es beginnt schon mit der Angst der Eltern, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen und groß ziehen zu müssen. Diese Eltern entwickeln zwar mit der Zeit ein anderes Bewusstsein als Betroffene aber der Gros der Unbeteiligten will von den Schwierigkeiten im Leben behinderter Menschen nichts wissen.

Wir stellen immer noch unser Auto auf den Behindertenparkplatz vor dem Supermarkt, wenn es „halt mal schnell gehen muss.“ Und wenn wir auf dieses Fehlverhalten angesprochen werden, reagieren wir aggressiv und ignorant. Bei Olympiaden fiebern wir mit den Athleten mit aber von den Wettkämpfen bei den Paraolympics wollen wir wenig wissen. Irgendwie steckt mehr das darwinsche Prinzip vom „Survival of the fittest“ in unserem Bewusstsein als Empathie und aktive Integration in unserem Verhalten. Aber warum? Sind wir im Grunde egomanische vorteilsorientierte Menschen?

Kämpfen wir deshalb nicht für bessere Lebensumstände für unsere behinderten Mitmenschen, weil es nicht vorderhand profitabel ist? Es gibt dennoch Menschen, die gegen die widrigen Lebensumstände Betroffener ankämpfen und auch die Notwendigkeit sehen, dass der Unbeteiligte ein klares Bewusstsein diesbezüglich entwickelt. Aber leider kämpfen diese Menschen einen Kampf gegen Windmühlen, weil in unserer Welt alles über Geld geregelt wird. Es wird allenfalls mit Kranken und Behinderten Geld gemacht, als dass Geld für die Integration und Erleichterung des Lebens in die Hand genommen wird.

Doch was tun in dieser eingefahrenen Sackgasse? Was macht der Kluge, wenn er sich verrannt hat und es nicht weitergeht? Er geht den Weg soweit zurück, bis es wieder die Möglichkeit gibt, einen anderen Weg zu nehmen. Wir können uns erst ein gesundes Sozialbewusstsein auf die Fahnen schreiben, wenn wir die Grundlagen dafür geschaffen haben – und zwar in unseren Köpfen. Erst wenn unsere Kinder unbequeme Fragen stellen, warum beispielsweise ein rollstuhlfahrender Mitschüler nicht an der Klassenfahrt teilnehmen kann, beginnt die Veränderung. Bewusstsein zur Empathie muss bei der Kindererziehung in den Kindergärten und Schulen entstehen. Da ist der Staat gefragt – also wir alle!

Wir müssen den Willen entstehen lassen, wenn es andere Wege geben soll. Dies ist keine romantische Träumerei, die an der Realität des menschlichen Wesens vorbeigeht, denn Verhaltensforscher und Anthropologen bestätigen uns, dass die Grundlagen menschlichen Verhaltens Kooperation und Empathie sind. Deswegen sind wir gut beraten, diese grundlegenden Verhaltensweisen bei unseren Kindern zu fördern. Erst wenn wir Sozialkompetenz gegen Leistungsorientiertheit bei der Kindererziehung und im weiteren Ausbildungswesen genauestens abwägen, haben wir die Chance eine integrative Gesellschaft entstehen zu lassen.

Diese Gedanken werden schon heute in den Medien dargestellt. Leitende Pflegkräfte, die sich in Verbänden organisiert haben, berichten in Talkshows neben dem kaum zu bewältigenden Pflegealltag über das kasernenartige Leben pflegebedürftiger Menschen und das absolute Fehlen von Integration in das alltägliche Leben außerhalb der Einrichtungen. Die Morbidität in unserer alternden Gesellschaft steigt rapide an und wir werden in Zukunft im Bereich der Pflege und Integration von lebenseingeschränkten Menschen so an die Grenzen des Machbaren gedrängt werden, dass die Köpfe der Pflegeverbände ihre Angst vor der Zukunft deutlich äußern.

Erst wenn wir aufhören zu fragen, was kostet die Pflege und Integration von lebenseingeschränkten Menschen, werden wir den einen Schritt in die richtige Richtung machen. Erst wenn unsere Gesellschaftsordnung verhindert, dass ein Familienangehöriger durch die Kosten und den Zeitaufwand in der Pflege eines lebenseingeschränkten Familienmitglieds an den Rand des Ruins gedrückt wird, wird sich Besserung im Pflegenotstand ergeben. Und erst wenn wir die naturgegebene Sozialkompetenz unserer Kinder fördern, werden wir die Grundlage in unseren Köpfen schaffen, dass diese Art menschenunfreundlicher Unterwelt von kaserniertem Siechtum und diese Weise bewusster Verantwortungsignoranz des unbetroffenen Einzelnen in der Zukunft verschwindet.

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