Donnerstag, 19.07.2018 02:20 Uhr

Preise um jeden Preis

Verantwortlicher Autor: C. Schmieder Berlin, 15.06.2018, 10:41 Uhr
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Völlig vom Sockel: Seine Exzellenz Wilhelm
Völlig vom Sockel: Seine Exzellenz Wilhelm  Bild: C. Schmieder

Berlin [ENA] Nicht nur daß universitäre Exzellenz ihren Preis hat, sie verdient auch, sich selbst zu feiern und ist bemüht, ihren eigenen Preis nicht nur zu bestimmen, sondern auch in die Höhe zu treiben. Dies geschieht mit jeder Menge von Preisen, die verliehen werden, als gäbe es kein Morgen.

Die Gänge des ehemaligen Palais des Prinzen Heinrich Unter den Linden sind hoch und breit, ihre weitläufigen Verästelungen führen in den Ost- und Westflügel, und das auf mehreren Etagen. Immer wieder geht es vorbei an Schwarzen Brettern, die meistens hellgrau grundiert sind, mit Stoff oder anderen Materialien. An diesen Schwarzen Brettern hängen sie, die Ausschreibungen zu den Preisen: Universitätspreise, Fakultätspreise, Institutspreise. Weniger mit Glück, vielmehr mit guten Verbindungen und starken Netzwerken unter Kollegen darf man sich Hoffnung machen.

Der Humboldt-Preis

Denn vorschlagen darf jeder, jeder darf vorgeschlagen werden, insofern er einen gutbezahlten Job an einer Alma Mater innehat. Auf der Website der Humboldt-Universität lies es sich so: „Alle Mitglieder der Universität sind vorschlagsberechtigt. Nominiert werden können Lehrende für alle Lehrveranstaltungen, die im laufenden Akademischen Jahr an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt wurden.“ (Quelle: https://bolognalab.hu-berlin.de/de/preis/uber-preis/verfahren) Bei neun Fakultäten und weiteren Clustern kommen da mindestens 18.000 Euro Preisgeld pro Jahr zusammen. Allein, Berlin hat vier Universitäten.

Doch damit nicht genug. Ein findiger Professor, wohl um die Bindung zu seinen Studentinnen und Studenten nachhaltig zu festigen, lobte – gewiß durch die universitären Preise inspiriert – zusätzlich zu den bereits vorhandenen einen sogenannten Institutspreis aus, jeweils für eine Bachelor- und Masterarbeit für zwei Fächer, also insgesamt vier Preise pro Semester, acht im akademischen Jahr. Bei einem Preisgeld von 500 Euro ergeben sich 4000 Euro Kosten für die Preise jährlich. Diese Summe beschaffte der clevere Professor mittels Griff in die Institutskasse.

Das Jahr 2013 ...
... 2014, ...
... 2015: Professors Lieblinge

Ist dies an sich schon nicht vom Gesetz und den Vorschriften zur Verwendung der Mittel gedeckt, also kriminell, so ist er zugleich Vergeber des Preises, Begutachter der eingereichten Arbeiten sowie als Institutsdirektor letztlich auch Entscheider, dies also in Personalunion, an wen der Preis geht. Nicht erst hier wird deutlich, daß in dieser Dreifaltigkeit nicht nur ein Interessenkonflikt vorliegt, sondern daß eine unabhängige und unvoreingenommene Entscheidung, an wen die Preise vergeben werden sollen, völlig unmöglich ist. Als Humanist durch und durch, beherrscht er gerade jenes „divide et impera“ und bedenkt neben den eigenen auch die LieblingsstudentInnen seiner beiden Kollegen.

Es mag verwundern, daß dem selbstgefälligen Professor diesbezüglich jedwedes Unrechtsbewußtsein nicht nur abhanden kam, sondern gar nicht zu existieren schien. Daß gleichfalls weder Universitätsleitung, Verwaltung, Präsidium noch gar die Rechtsabteilung etwas dagegen einzuwenden hatten sowie selbst die Ordinarii kollegial auf jeden Einspruch verzichteten, gibt allerdings zu denken. Doch damit nicht genug. Selbst weitere Kontrollgremien und Aufsichtsbehörden, darunter die zuständige Senatsverwaltung, ein Ausschuß im Berliner Abgeordnetenhaus wie auch die Berliner Justiz, fanden nichts daran zu beanstanden.

Der Berliner Steuerzahler darf sich allerdings glücklich schätzen, daß es immerhin einen Landesrechnungshof gibt, der – so war von einer Institutsangehörigen zu hören – sein Veto einlegte und diesen Preis suspendierte. An welchem Punkt das Verfahren sich derzeit befindet, ist jedoch unklar, da sowohl Institut als auch Universität auf eine schriftliche Presseanfrage bisher nicht reagierten. Indignierend wirkt hierbei, daß die Politik, der qua Wählermandat eine Kontrollfunktion zukommt, diese Funktion nicht wahrnimmt und mit solchen Individuen gemeinsame Sache macht, wohl um die eigene Wiederwahl nicht zu gefährden.

Doch auch die Freie Universität hat ihre Preise, die sich gleichfalls in keiner Weise bescheiden ausnehmen (siehe Abbildung). Nimmt man die weiteren Berliner Universitäten hinzu, so erstaunt dann doch, daß diese chronisch unterfinanziert sind. Jedes andere Unternehmen käme – abgesehen von den Boni der Banker und Vorstände von Dax-Unternehmen – bei solcher exzessiven Praxis des Preiseverleihens in finanzielle Schwierigkeiten, zumal der Mittelstand immer mehr zerfällt. Die studentischen Hilfskräfte hingegen streiken derzeit für gerechtere Entlohnung und Lehrbeauftragte unterrichten sowieso größtenteils unbezahlt.

Während die Justiz die Kündigung jener Verkäuferin eines Supermarktes im Jahr 2008 als rechtens erachtete, die lediglich zwei Pfandbons über einen Betrag im untersten einstelligen Euro-Bereich, d.h. lediglich 1,30 Euro, unterschlagen hatte, teilen verbeamtete Großverdiener gesetzeswidrig mit vollen Händen Steuergelder aus – und zwar Steuern, die sie selbst nicht gezahlt haben –, um ihre Hierarchien und Privilegien zu zementieren. Doch soziale Gerechtigkeit war längst schon Ende des letzten Jahrhunderts ein Auslaufmodell und ist heute komplett inexistent: Zweifellos sind ALG-II-Empfängern die Bezüge kürzen, um solch freizügige Preisverleihungen unter Akademikern zu ermöglichen, ohne daß auch nur ein Gewissen Widerspruch anmelden würde.

Doch damit nicht genug. Jener findige Professor, der eine tote Sprache lehrt, ist mit seinem Latein noch längst nicht am Ende. Als stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes ist er ebenso bemüht, den Schulterschluß zur Politik zu praktizieren, und dies wieder durch einen Preis (Abb.). War diese bisher von der Überreichung eines Schecks in Höhe von 2000 Euro begleitet, wurde dieser bei der diesjährigen Verleihung am 4. April mit keiner Silbe erwähnt. Doch daß weiterhin die Schülerzahlen dieser toten Sprache sinken, dagegen kann auch Frau Süssmuth nichts ausrichten: Vielleicht sollte der Ordinarius gleich die Schüler dafür bezahlen? Zumindest würde das die Preisverleihung ersparen, und das wäre schon immerhin etwas.

Die Logik des Preises: ...
... Mediale Aufmerksamkeit
Preisverdächtig?

Als Nachgeschmack bleibt allerdings immer noch die Preiswütigkeit der Universitäten: Kaum ein anderer Arbeitgeber wirft so mit Preisen, d.h. mit Geld um sich. Doch anscheinend, und insbesondere im akademischen Bereich, ist es längst nicht mehr selbstverständlich, sehr gute oder zumindest korrekte Arbeit zu leisten, so daß monetär nachgeholfen werden muß. Doch diese Form der Verschwendung war immer schon Kennzeichen von Dekadenz. Es bleibt daher nur festzustellen, daß diese Symptome Anzeichen für Verfall und Niedergang sind.

Statt Schweigegeld: Ein Professor bedankt sich
Für treue Dienste: Verbindungen durchs ganze Land
Preise für Biologie, Chemie, Pharmazie ...
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