Samstag, 17.11.2018 02:13 Uhr

Luzerner TheaterEin Luzerner Jedermann Freilichtspektakel

Verantwortlicher Autor: Léonard Wüst Luzern, 28.05.2018, 11:01 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 5441x gelesen
Luzerner Theater Matthias Schoch als Jedermann
Luzerner Theater Matthias Schoch als Jedermann   Bild: Ingo Hoehn, Luzerner Theater

Luzern [ENA] Luzerner Theater,Ein Luzerner Jedermann Freilichtspektakel nach Hugo von Hofmannsthal,nszenierung und Bühne: Thomas Schulte-Michels Kostüme: Tanja Liebermann Licht: David Hedinger-Wohnlich Dramaturgie: Friederike Schubert.Ein Frontalangriff auf Salzburg,Jesuiten – statt Domplatz?

esetzung: Jedermann Matthias SchochTeufel / Guter Gesell / Mammon Aaron Hitz T0d Christian Baus Simme Gottes Max Christian Graeff Jedermanns Mutter Giulietta Odermatt Ansager / Schuldknecht Adrian Furrer EIine Frau Alina Vimbai Strähler BUHLSCHAFT Miriam Joya Strübel DICKER VETTER Jakob Leo Stark DÜNNER VETTER Michel Kopmann WERKE Wiebke KayserGLAUBE Sofia Elena BorsaniDER KOCH Alfons LinerDER VERWALTER Adalbert SpichtigDER HAUSBURSCH Bernhard Kesseli

Grundsätzliches zum „Jedermann“

Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele treten im „Jedermann“ Gott, der Tod, der Teufel und andere abstrakte Wesen auf und jagen den Zuschauern gruselig-wohlige Schauer über den Rücken. Der wohlhabende Jedermann sieht sich mit dem unerwarteten Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein treuer Knecht noch seine Freunde noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten; erst der Auftritt seiner Werke und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zur Christenheit zu bekennen und als reuiger Bekehrter ins Grab zu steigen.

Aaron Hitz ( Guter Gesell )
Alle Gäste des Jedermann sitzen am Tisch und warten aufs Festmahl - Kopie
Christian Baus (Tod)

Start in die erste Jedermann Saison

Der gutgelaunte Intendant des Luzerner Theaters, Benedikt von Peter persönlich, begrüsste das Premierenpublikum bei allerbesten äusseren Bedingungen auf dem Platz vor der Jesuitenkirche. Ebenso richtete der kantonal luzernische Kulturminister, Regierungsrat Reto Wyss einige Worte an die Besucher, die es sich auf der eigens erstellten Tribüne über der Reuss so gut als möglich bequem gemacht hatten.

Die beiden Vettern, Michel Koppmann und Jakob Leo Stark (v. l.)
Der Tod,Christian Baus
Festgäste,Mascia Altermatt, Sabrina Althaus, Melchior Amgarten, Samantha Aquilino u.a.

Auftakt im Stile einer „Commedia dell`arte“.

Zum Auftakt bevölkern viele Gaukler, darunter zwei Jongleure, drei Einradfahrer und ein Feuerspucker, die Szenerie, im Stil einer „Commedia dell`arte“. Dazu passend, erklangen Drehorgelähnliche Orgelklänge (Musik Christov Rolla). Dazu hält einer der Akteure eine Ansprache an die, inzwischen ebenfalls die Bühne bevölkernde andere Jedermann Entourage. (Die Hauptdarsteller agieren mit Kopf Mikrophonen). Dazu wird lautstark gesungen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“.

Dem Herrn im Himmel scheint das bunte Treiben der Jedermann Truppe zu missfallen und so meldet er sich denn auch mit lauter Stimme um dem Spass Einhalt zu gebieten. Ebenso hat der Tod seinen ersten kurzen Auftritt versinnbildlicht, indem sich darauf alle Akteure des Geschehens eine Totenmaske überstülpen und verstummen. Dann entert der rotgewandete Macho Jedermann (Matthias Schoch) im Gareth Bale Look mir Rossschwänzchen, die Szenerie und ordnet an, alles für ein üppiges Festmahl herzurichten, dass er zu geben gedenke.

Jakob Leo Stark (Dicker Vetter) und Michel Kopmann (Dünner Vetter)
Matthias Schoch (Jedermann) 1
Matthias Schoch (Jedermann) mit den Nonnen

Der laute Ruf Gottes schallt über das Gelände

Nun schallt es aber laut über den Jesuitenplatz das JEEEEDERMAAAAANN, JEEEEDERMAAAAANN, JEEEEDERMAAAAANN. Noch aber scheint sich der so aufgerufene nicht im Klaren zu sein, was das bedeuten soll. Das versucht ihm dann der auf die Bühne zurückgekehrte Tod (Christian Baus) zu erläutern, indem er ihn auffordert, mit ihm in das Jenseits zu reiten, da sein irdisches Dasein sofort, aufgrund des liederlichen Lebenswandels, beendet werde. So langsam, aber sich dämmert es dem Lebemann und Tunichtgut, dass die Sache ernst ist und er sucht Beistand bei Weggefährten und Gefolgsleuten.

Diese aber, ihm sonst treu ergeben, wenn es lustig zu und hergeht, verweigern ihm die Gefolgschaft in den Tod, wenden sich jetzt gar von ihm ab. Erst als Jedermann merkt, dass er diesen Weg wohl allein beschreiten muss, wird er sich der ganzen Tragweite voll bewusst und ersucht beim Tod um Aufschub, zuerst ein paar Tage, wird abgelehnt, ein Tag, ebenso verweigert, dann, ebenfalls nicht gewährt ein paar Stunden, schlussendlich um 60 Minuten. Diese erhält er, um seinen Nachlass einigermassen zu ordnen und vor allem, um Abbitte zu leisten. Zu dem Chorgesang „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ räumen der Tod und Jedermann vorerst die Bühne.

Der grosse Auftritt der Buhlschaft

Aus der Jesuitenkirche auf die Bühne schreiten dann die Buhlschaft (Miriam Joya Strübel) mit Gefolge unter Intonation des Whitney Houston Megahits „I always love you“ als die recycelten „Göttinnen des Pop“. Jedermanns Geliebte zieht alle Register ihrer Verführungskunst um ihren Lover zu becircen, ihn noch mehr in ihren Bann zu schlagen und ihre Errungenschaften zu verteidigen.

Matthias Schoch (Jedermann) und Giulietta Odermatt (Jedermanns Mutter)
Werke, Wiebke Kayser
Matthias Schoch als Jedermann mit den Nonnen ( Begleiterinnen seiner Mutter)

Das grosse Fressen findet doch noch statt

Die Szenerie beherrschen jetzt wieder die Vasallen, die Fans und die Entourage von Jedermann, die sich über die üppig hergerichtete Tafel her machen. Die engsten Freunde des Jedermann, weibliche und männliche geben dann noch Statements ab, u.a. die beiden Vettern und der Gute Gesell. Der „Schuldknecht“(Adrian Furrer) gibt noch einen Abriss darüber, was er unter dem Drangsal des Jedermann und dessen Willfährigkeit alles erdulden musste

Deshalb hätte dieser den Tod mehr als verdient.Das Erbarmen könne man sich sparten, zu unmenschlich sei er gewesen und grausam. Später gabs noch den Abgesang für ihren Gönner und Gastgeber in Form des Chorals „Ich hatt einen Kameraden“. Parallel dazu hatte Jedermanns Mutter (Giulietta Odermatt), mit den ihr ergebenen Nonnen im Schlepptau, noch vergeblich versucht, ihren Sohn wieder in den Schoss von Mutter Kirche zurück zu holen.

Jedermann muss erkennen, dass der Tod einsam macht

Inzwischen kommt der Teufel, um die schuldbeladene Seele Jedermanns, derer er sich ganz sicher ist, zu holen und mit ihr zur Hölle zu fahren, doch er muss zu seinem Verdruss sehen, dass sie ihm durch die Gnade Gottes entrissen wurde. Wenig später kehrt Jedermann völlig gereinigt zurück und kann nun mit ruhigem Gewissen in Begleitung des Glaubens und der guten Werke vor Gottes Richterstuhl treten

Der geschockte will immerhin noch sein Vermögen mit ins Jenseits nehmen, aber der aus seiner Geldtruhe entstiegene, aufgeplusterte Mammon erklärt sich auch nicht bereit, mit ihm zu gehen, da er ihm, Jedermann, nur geliehen war und jetzt dem nächsten dienen müsse. Nun ist Jedermann völlig einsam und der Verzweiflung nahe. Da hört er aus dem Hintergrund eine leise Stimme, die seinen Namen ruft. Als er sich umdreht, sieht er eine gebrechliche Frau, die ihm sagt, dass sie seine „guten Taten“ (Werke, Wiebke Kayser) sei und ihn gern ins Jenseits begleiten will. Sie ist aber zu schwach, da er sie immer so vernachlässigt hat. Sie ist aber bereit, ihre Schwester, den Glauben (Sofia Elena Borsani) darum zu bitten..

Fazit des Abends auf dem Jesuitenplatz

Dank sehr guten Leistungen des Ensembles, ob Profis oder Laien, des stimmungsvollen Bühnenbildes, der passenden Musik und entsprechenden Kostümen ist der Jedermann an der Reuss ein weiteres starkes Ausrufezeichen des neuen Intendanten und ein erneuter, sehr grosser Schritt in die Zukunft und die von ihm angestrebte weitere Öffnung und näher zum Volk Doktrin. Als „Primus inter Pares“ besonders erwähnenswert die Parforceleistung von Aaron Hitz in allen seinen drei Rollen, ob als guter Gesell, Mammon oder Teufel.

Miriam Joya Strübel (Buhlschaft) mit Gefolge
Miriam Joya Strübel (Buhlschaft) vereint mit Matthias Schoch (Jedermann)
Festgäste,Mascia Altermatt, Sabrina Althaus, Melchior Amgarten, Samantha Aquilino u.a.

Effizientes, dennoch wirkungsvolles Bühnenbild

Eine Open Air Bühne, die äusserst effizient hergerichtet war u.a. mit einigen nebeneinander platzierten Infanterie-Wagen, die mit abklappbaren Treppen bestückt waren, sodass daraus eine temporäre Bühne gemacht werden konnte, oder, bei Bedarf, hochgeklappt und mit weissen Tischtüchern belegt, eine festliche Tafel für des Jedermann Gäste und Saufkumpane hergerichtet wurde. Leider ist der Jesuitenplatz etwas zu klein, um optisch das Maximum zu erzielen, verfügt halt nicht über die ideale Grösse, hat zu wenig Tiefe um ein Totalpanorama zu sehen von der Zuschauertribüne aus. Man sitzt zu nah, praktisch vis a vis der Kirche, kann so deren räumliche Dimensionen visuell gar nicht erfassen.

Wird der Luzerner Jedermann zur Institution wie in Salzburg?

Wenn ja, werden sich Schauspieler/innen in Zukunft auch darum buhlen, in Luzern als Jedermann, Tod oder Buhlschaft auf der Bühne zu stehen? Eine Ehre, die in Salzburg nur den allerbesten und berühmtesten Bühnenschauspielern zuteil wird. Des Teufels letzte Worte, nachdem er den Jedermann nicht bekommen hat: Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich, treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug. Dieser Luzerner Jedermann ist wohl kaum ein Frontalangriff auf die Bastion Salzburg, scheint eher ein „Ausloten“, was in dieser Richtung alles möglich sein könnte. Ein bisschen zu brav, zu wenig dramatisch aber mit zugefügten, witzigen und auch zeitgemässen Dialogen.

Zur Spielstätte: Der Jesuitenplatz verfügt halt nicht über die ideale Grösse, hat zu wenig Tiefe um ein Totalpanorama zu sehen von der Zuschauertribüne aus. Man sitzt zu nah, praktisch vis a vis der Kirche, kann so deren räumliche Dimensionen visuell gar nicht erfassen..www.leonardwuest.ch www.luzernertheater.ch Für aktuelle regionale Nachrichten und Kultur aus der Innerschweiz besuchen Sie die www.innerschweizonline.ch Aktuelles regionales und Kultir aus dem Ruhrgebiet finden Sie auf www.bochumer-zeitung.com

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