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7. Social-TV-Summit in München: "Social Reboot"

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 27.06.2018, 12:54 Uhr
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Dieser Bär im Literaturhaus wurde wegen Verstoßes gegen die DSGVO erschossen.Der Autor weiß jetzt:keine Personenfotos
Dieser Bär im Literaturhaus wurde wegen Verstoßes gegen die DSGVO erschossen.Der Autor weiß jetzt:keine Personenfotos  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Zum siebten Male wurde Ende Juni 2018 im Literaturhaus München nach den Möglichkeiten und Perspektiven des "Social-TV" gefragt, doch schon der Untertitel dürfte unbedarften Laien Rätsel aufgeben: "Social Reboot: Neue Ansätze von Pay-to-play bis Originals".

Zwar wurde tatsächlich einiger Jargon in die Luft geblasen, doch es wurde auch gründlich nachgedacht. Eine erfreulich kritische, fast philosophische Perspektive legte James Williams an die 'sozialen Medien' an, der in Oxford an einem veritablen "Digital Ethics Lab" tätig ist; im empiriefreundlichen England kann also Ethik sehr realitäts- und praxisnah betrieben werden. Vielleicht machte sich dabei auch seine frühere, zehnjährige Arbeit für Google bemerkbar. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Beobachtung, daß in Zeiten abundanter Information die Aufmerksamkeit des Einzelnen, d.h. seine Selektionsfähigkeit, immer wichtiger wird.

Wer profitiert von der Aufmerksamkeitsökonomie?

Treffend spricht man in diesem Zusammenhang ja auch von Aufmerksamkeitsökonomie. Daß diese Bewirtschaftung individueller Aufmerksamkeit nicht zum Vorteil dieses Individuums geschieht, sondern daß dort, wie in jeder Wirtschaft, eine starke Asymmetrie der Kräfte und Möglichkeiten herrscht, dürfte jedem klar sein, der sich von der Propaganda der Plattformbetreiber nicht einlullen läßt. Williams verglich den autonomiezerstörenden Suchtmechanismus solcher Netzwerke mit demjenigen von Glücksspielautomaten.

Seitdem die Manipulationsmöglichkeiten, etwa im Falle von Facebook, vor aller Augen getreten sind, gilt dem "Persuasive Design" dieser Infrastrukturen intensives wissenschaftliches Interesse. Williams' akademischer Lehrer, L. Floridi, fordert geradezu eine Infrastrukturenethik, infraethics, um die tiefgreifende Veränderung des sozialen Raumes durch jene digitalen Agenturen zutreffend beschreiben zu können. Was sich dort auf den von den Programmierern vorgeschriebenen Pfaden bewegt, ist - gelinde gesagt - ein kuratiertes Individuum, hat seine Selbstbestimmungsfähigkeit jedenfalls bereits zu einem erheblichen Teil eingebüßt.

Nicht ohne Grund suchen die Betreiber neuerdings mit Selbstbegrenzungsmechanismen der Kritik und etwaigen regulatorischen Eingriffen zuvorzukommen. Die Verweildauer kann der Teilnehmer durch eine eigene 'App' messen und begrenzen lassen. Man fühlt sich an die bekannte Zigarettenwarnhinweise erinnert und sieht im Geiste die Bauchbinde vor sich: mehr als zwei Stunden hier im Netzwerk gefährdet ihre persönliche Freiheit und Selbstbestimmung!

Tatsächlich forderte Williams vom Einzelnen nicht weniger als einen objektiven Blick von außen auf die eigene Person, wie vom Weltraum auf die Erde. Dies ist grandios im Sinne der gesamten abendländischen Philosophie gedacht, formuliert freilich auch einen so hohen ethischen Anspruch, daß ihn die wenigsten werden einlösen können, und wenn, dann erst in späteren Lebensjahren. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Wahrnehmung der eigenen Person in ihrer Endlichkeit muß in mühsamer Arbeit und Abweisung allfälliger Verführungen und Ablenkungen errungen werden.

Man muß die wohlfeilen Euphemismen der Werbung durchschauen und sich gegen inhumane Funktionalisierungen in der Sprache zur Wehr setzen. Diese Aufgabe, die man auch der Medienpädagogik zuschlagen kann, ist nicht neu, aber immer wieder neu zu konfigurieren. Williams erinnerte an M. McLuhan, der bereits vor Jahrzehnten erkannte, daß nur eine kritische Vision - vom eigenen Leben und dem Zustand der Gesellschaft - die Automatismen - heute würde man sagen: die Algorithmen - zähmen und aufbrechen kann.

Expansion und Koexistenz

Von philosophischen Einwänden und Ermahnungen lassen sich die Akteure das Tagesgeschäft jedoch nicht verderben. So wurden denn in etlichen Referaten Inhalte des linearen Fernsehen mehr oder weniger vorsichtig und kreativ in die Online-Welt "verlängert", um jüngeres Zielpublikum zu erreichen. Entsprechende Konzepte stellten etwa Michael Lämmle, Pro7, mit der Next-Top-Model-Reihe und Ivo Hrstic, Sport1, mit einem Fußballstammtisch vor; weiters Fabian Schiffelholz, Arte, wo man beispielsweise Mini-Serien wie "Wer nicht fragt, stirbt dumm" auf den Online-Netzwerken ein zweites Leben einhaucht.

Auch Nicole Kohnert, Redakteurin, WDR, will mit 'docupy' die qualitativ hochwertigen Dokus ihres Senders auf den Netzwerken - Netflix hat man noch nicht erreicht - in plattformgerechter Weise streuen, weil das dortige Publikum kein öffentlich-rechtliches Linear-Fernsehen mehr (auf)sucht. Auch bei Print wird munter verlängert, wie Andreas Rickmann, BILD, und Lisa Stadler vom Standard, Wien, erläuterte. Dort ist der Kostendruck aufgrund der sinkenden Papierauflage der Haupttreiber. Diese Entwicklung kann unterschiedliche Assoziationen hervorrufen.

Diese Entwicklung kann unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Man mag sich etwa an den sog. amphibischen Film erinnert fühlen, der etwa seit den 80er Jahren gleichzeitig als Kinofilm und Fernsehserie produziert wurde und wird, weil im kleinen deutschen Markt die Kinoauswertung allein nicht die nötige Finanzierung garantieren könnte und das Fernsehen von der qualitativ hochwertigen Produktionsweise profitieren möchte. Ein ähnliches Gefälle von Qualität (des Inhalts) und Quantität (der Zuschauer) herrscht heute zwischen Linearfernsehen und Online.

Eine ganz andere Assoziation wird die Frage nach der Mediensozialisation stellen. Die beklagte Abwanderung zu den sozialen Netzwerken war ja eine bewußte Entscheidung der jüngeren Generation, und dann eben auch eine Entscheidung gegen die besseren, d.h. anspruchsvolleren Inhalte im klassischen Fernsehen. Weshalb sollte man dieser Generation also nachlaufen? Immerhin waren ja die 'nutzergenerierten Inhalte' die Hauptanziehung auf Youtube & Co. und sind es z.T. heute noch. Damit können und wollen auktoriale Inhalteanbieter nicht konkurrieren.

Ästhetische Innovation

Eine andere Frage ist allerdings, ob sich das klassische Fernsehen von der verdichteten Bildästhetik und sprunghaften Erzählweise in den sozialen Netzwerken etwas abschauen kann. Das dürfte bis zu einem gewissen Grade Geschmackssache, vor allem aber ein Generationentrenner sein. Der ältere Zuschauer wird solche Filmchen, vor allem wenn es sich um Erklärvideos handelt, eher zappelig, hektisch und viel zu oberflächlich finden, doch junge Leute scheinen diesen Stil zu mögen. Arte hat hier einen vergleichsweise moderaten Weg eingeschlagen, wie wir in Schiffelholz' Vortrag sehen konnten.

Der Videoessay über japanische Geschichte, den Brendan Miller, BBC, exemplarisch zeigte, stürmte dagegen in rasendem Tempo voran und kann unmöglich zu wirklichem Verständnis bei unvorbereiteten Zuschauern führen. Auch die Erklärvideos, die Sara Maria Manzo, von der Neuen Zürcher Zeitung, vorstellte, sind bei allem animatorischen Ehrgeiz und handwerklicher Perfektion nichts für nachdenkliche Gemüter. Im fiktionalen Genre findet man nicht nur eine dramaturgisch interessante Multiperspektivität, sondern auch eine fragwürdige Einebnung der Unterscheidung von Realität und Fiktion.

Alexander Lindh, Autor der funk-Serie "Druck", die eine Übersetzung der norwegischen Serie "Skam" nach Berlin darstellt, erläuterte dieses "Social Storytelling in Echtzeit". Die Protagonisten "bespielen" auch die einschlägigen Netzwerke, wo sie der Zuschauer zur jeweiligen Zeit der Handlung antreffen kann. Erzählzeit und erzählte Zeit fallen also zusammen, und es wird die Illusion der Gleichrangigkeit von Zuschauer und Akteur erzeugt. Weil die Serie aber Jugendliche in der Pubertät als Protagonisten und Zielgruppe hat, wird sehr viel identifikatorisches Potenzial abgerufen, aber gewiß nicht die in diesem Alter durchaus labile Realitätswahrnehmung gestärkt.

Gleichwohl war die Überschrift über diesen Veranstaltungsteil, die auch über der ganzen Konferenz hätte stehen können, richtig: "Gekommen um zu bleiben: Wie das Social Web neue Formate formt". * * * * * * * * * *

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